Unsere Filme im Oktober - Nachspiel & Neu
Blut an den Lippen — Der Regisseur wird am Filmabend anwesend sein!
29.10.

Damit wurde für das Offkino der 1. Lockdown eingeläutet, indem wir im März 2020 diesen Filmabend sehr kurzfristig absagen mussten. Umso mehr freuen wir uns, dass auch einige Monate später der belgische Regisseur Harry Kümel am Filmabend anwesend sein wird! Auf seinen Wunsch hin wird „Les Lèvres rouges“ in der der von „Bildstörung“ 2013 veröffentlichten digitalen Fassung projiziert – weiteres dazu am Filmabend.

Zum Film:
Ostende: Frisch vermählt machen Valerie und Stefan ungeplant Zwischenstopp in einem leeren Luxushotel an der Küste. Es ist Jahresende, die Saison ist vorbei, sie sind die einzigen Gäste. Vorerst. Denn noch in derselben Nacht betritt eine geheimnisvolle Gräfin in Begleitung ihrer Sekretärin die Lobby und fragt nach einem Zimmer. Stefan ist sofort wie gebannt von den beiden Neuankömmlingen. Als der Portier aber ihren Namen hört, wirkt er äußerst irritiert: 40 Jahre ist es inzwischen her, und doch ist die Gräfin keinen Tag gealtert? „Das war meine Mutter“, ist die kurze Antwort. Am nächsten morgen schreibt die Zeitung von einer weiteren jungen Frauenleiche, der jeder Tropfen Blut fehlt…

Blut an den Lippen ist ein außergewöhnlicher Genrefilm, der […] viele Stilrichtungen kreuzt, auf eine sehr avantgardistische Art und Weise […]. Ein unglaubliches Crossover aus 70er Ex- und Sexploitation Grindhousekino, dabei handwerklich so grandios, anspruchsvoll und subtil inszeniert, dass es leicht an den wenige Jahre später erschienenen Klassiker Wenn die Gondeln Trauer tragen erinnert. Die Mischung aus sexuellem Befreiungskino, Horror und Arthouse-Anspruch scheint sehr gewagt, gerade dadurch bezieht Les Lèvres rouges seinen einzigartigen Reiz, ist […] kaum kopierbar und ein Unikum.“ Jacko Kunze

Noch erwähnenswert ist, dass „Les Lèvres rouges“, der vor allem durch das grandiose Schauspiel von Delphine Seyrig getragen wird, auch feministisch gelesen wird: Neben der klaren Machtposition der Hauptdarstellerinnen, verstößt er gegen die Konventionen eines Lesben-Vampirgenres, der lesbische Vampirinnen in der Regel als eine zu besiegende Bedrohung der heterosexuellen Normalität darstellt.

Blut an den Lippen — Der Regisseur wird am Filmabend anwesend sein! Still
Unsere Filme im November - Ausgesuchte Filme
The Living End
05.11.

Mit dem queeren Road-Movie „The Living End“ haben wir für die Koop mit den schwulen Filmtagen des [SchwuR] einen Klassiker des „Queer New Wave Cinema“ der 1990er Jahre und zugleich ein bis heute gültiges Dokument der Post-Punk-Ära ausgesucht.

Schon das erste Bild mit dem Graffiti „Fuck The World“ beschreibt die Verfassung der beiden Protagonisten ziemlich treffend: Beide sind HIV-positiv und sitzen in Los Angeles fest, die Stadt scheint kalt und feindlich. Jon, ein freiberuflicher Filmjournalist, der gerade erst von seiner Infektion erfahren hat, trifft auf Luke, einen charismatischen Herumtreiber. Die beiden beginnen ein stürmisches Liebesverhältnis. Als Luke unbeabsichtigt einen homophoben Polizisten tötet, müssen beide fliehen und beschließen, dass sie nichts mehr zu verlieren haben…

Araki’s off-kilter images are edgy and evocative. This is guerrilla film-making at its best. […] I’d never seen anything like this before in ’92, making the experience all the more visceral. Queers were fighting back and you could feel the rage. It might not be as shocking now as it was then, but it still has the power to provoke.
The public perception of AIDS was still pretty much in its infancy when Araki conceived The Living End. […] Death hangs over the movie, and is a constant topic of conversation. […] They roam through a wasteland of empty parking lots, billboards and neon signs to a pounding industrial hard rock soundtrack; no bouncy showtunes here. The music they often reference is by gloom-rockers Joy Division, Nine Inch Nails and The Smiths. But it is not all dark; there is also comedy, along with a subversive sense of the absurd.
“ Michael D. Klemm

The Living End Still
Drugstore Cowboy
12.11.

Every once in a while we get restless and hit the local points of interest„, so beschreibt Bob (Matt Dillon) sein Leben. Gemeinsam mit seiner Freundin Dianne (Kelly Lynch) und dem Pärchen Rick (James Le Gros) und Nadine (Heather Graham) ziehen sie als Kleinkriminelle durch den amerikanischen Nordwesten und verschaffen sich den nächsten Kick, indem sie an den Orten Drogen klauen, wo sie eigentlich verabreicht oder verkauft werden: in Krankenhäusern oder Drugstores.

Dies geht so lange gut, bis eine Person aus der Crew an einer Überdosis stirbt. Von da an versucht Bob mit Hilfe eines Methadonprogrammes von den Drogen weg zu kommen. Unterstützung erfährt er auch von Tom, einem konsumierenden Priester (William S. Burroughs). Dies geht so lange gut, bis Dianne mit einer Tüte von Bobs „Lieblingsdrogen“ auftaucht…

Mit seinem zweiten Spielfilm gelingt Gus Van Sant zu Recht der internationale Durchbruch. Der Inhalt des Films basiert lose auf dem gleichnamigen autobiografischem Roman von James Fogle. Ohne moralischen Zeigefinger porträtiert Van Sant das Leben einer eingeschworenen Clique, die in der Spirale der Sucht gefangen ist und sie dennoch zelebriert. Das ihm die Gratwanderung zwischen distanzloser Verklärung und simpler Verurteilung so gut gelungen ist, liegt sicherlich auch an dem begnadeten William S. Burroughs, der am Drehbuch beteiligt war und sich die Rolle des Junkie-Priesters auf den Leib geschrieben hat.

Wir zeigen den Film in Kooperation mit der Drogenberatung Bielefeld, die in der Zeit vom 7.-13. November mit verschiedensten Kooperationspartner_innen ein äußerst vielfältiges und
spannendes Programm zum Thema „Sucht“ auf die Beine gestellt hat. Hier ist das Programm abrufbar.

Drugstore Cowboy Still
Das Appartement
19.11.

Der Angestellte C. C. Baxter (Jack Lemmon) versucht in der Hierarchie seines Unternehmens und in der Gunst seiner Vorgesetzten höher zu kommen, indem er Ihnen, insbesondere seinem Abteilungsleiter Sheldrake (Fred MacMurray), regelmäßig seine New Yorker Wohnung für Seitensprünge zur Verfügung stellt. Obwohl die komplette Nachbarschaft annimmt, dass Baxter selbst die ständig wechselnden Liebschaften hätte, macht es diesem nichts aus, solange er davon ausgehen kann, befördert zu werden. Unterdessen verliebt sich der schüchterne Baxter in die Aufzugdame Fran Kubelik (Shirley MacLaine). Seine Einschätzung, dass sein Duckmäusertum das Richtige sei, ändert sich jedoch deutlich, nachdem er einige Zeit später Fran mit einer Überdosis Schlaftabletten in seiner Wohnung vorfindet, die er zuvor Sheldrake zur Verfügung gestellt hat.

Das Thema „Rausschmiss“ wird schon in der Anfangsszene deutlich: Trotz einer Erkältung im tiefsten Winter besteht einer seiner Vorgesetzten darauf, dass Baxter ihm seine Wohnung überlässt, so wie er es auch versprochen hat. Um weder seine Beförderungschancen noch seine Anstellung im Allgemeinen zu gefährden, willigt Baxter ein. Die Dialoge, die Wilder und I. A. L. Diamond zusammen schrieben, sind noch immer klasse und wandeln auf dem schmalen Grat zwischen Komödie und ernstem Drama. Auch die Filmmusik von Adolph Deutsch, der zuvor schon an Wilders „Manche mögen`s heiß“ beteiligt war, prägt sich ein. Der Film wurde mit 5 Oscars bedacht (Film, Regie, Originaldrehbuch, Schnitt, Szenenbild), wobei Lemmon und MacLaine zusätzlich mit Golden Globes für ihre Rollen ausgezeichnet wurden. Ich möchte an dieser Stelle darauf hinweisen, dass im Film unter anderem Depressionen und Suizidgefährdung thematisiert werden.

Das Appartement Still
Eselshaut
26.11.

Mit „Eselshaut“ verfilmte Jacques Demy das Märchen „Allerleirauh“ von Charles Perrault, in dem der blaue König (Jean Marais) seiner im Sterben liegenden Frau das Versprechen gibt, nach ihrem Tod nur jemanden zur Frau zu nehmen, die ebenso schön ist wie sie. Dies kann letztendlich nur seine eigene Tochter (Catherine Deneuve) erfüllen. Die verzweifelte Prinzessin sucht Rat bei der Fliederfee (Delphine Seyrig) und flieht letztendlich in den Wald, wo sie, in die abgezogene Haut eines Tieres gehüllt, unter dem Namen Eselshaut lebt…

Demy: „Als Kind hatte ich ein Kasperltheater, wo ich ,Aschenputtel‘, ,Eselshaut‘ und Andersens Märchen aufführte. Ich habe versucht, ,Eselshaut‘ so zu inszenieren, wie es mir damals vorschwebte.“ Daraus ist ein eigenwilliges, prunkvoll-verspieltes Werk mit Pop Art-Farbdramaturgie geworden, in dem Demy u.a. echte Schauspieler_innen als Statuen im Schloss und Tricks, wie Zeitlupen oder Rückwärtsbewegungen, einsetzt. Außerdem torpediert Demy neben traditionellen, bildlichen Zitaten gleichzeitig althergebrachte Genre-Konventionen, wenn er mittels einer sogenannten Requisitverschiebung historische beziehungsweise postmoderne Brüche erzeugt.
Komponist Michel Legrand, mit dem Demy schon für „Die Regenschirme von Cherbourg“ und „Die Mädchen von Rochefort“ zusammengearbeitet hatte, hat die Filmmusik geschrieben, die zwischen Barock, Jazz und Pop oszilliert.

Jacques Demys Filme bilden fantasievolle Universen voller Farbe, Nostalgie und Leichtigkeit – sie tragen die Handschrift eines verträumten Kino-Idealisten. Verliebt bis ins letzte Detail gelingt es Demy, in seinen Erzählwelten surreale Momente mit magischem Realismus zu verschmelzen und die Emotionalität seiner Figuren malerisch in Szene zu setzen. Sein Werk setzt einen vielbeschriebenen Kontrapunkt zu den Filmen der Nouvelle Vague und baut Brücken vom französischen Kino zur amerikanischen Traumfabrik Hollywoods.“ studiocanal

Eselshaut Still