Unsere Filme im Februar - Bissig
Martin
23.02.

Triggerwarnung: In diesem Film gibt es explizite Darstellung oder Erwähnung körperlicher, seelischer und sexualisierter Gewalt.


Bevor der verschollene 3,5 Stunden Director’s Cut in s/w vielleicht irgendwann in die Kinos kommt, spielen wir die originale Kinofassung in Farbe und auf 16mm.

Martin, ein junger, schüchterner, schwer verwirrter Vampir kommt aus Europa zu Verwandten in einen ausgestorbenen ehemaligen Industriestadtteil von Pittsburgh. Sein Cousin, bei dem er wohnt, hält ihn für „Nosferatu“ und versucht ihm mit Kreuzen und Knoblauch das Böse auszutreiben. Doch diese Versuche irritieren Martin, der keine Fangzähne, sondern Spritzen und Rasiermesser verwendet, um seinen Opfern das Blut abzulassen. In einer nächtlichen Radiosendung erklärt Martin, dass er nicht besessen ist, sondern vielmehr krank sei und Hilfe brauche. Währenddessen bereitet sein Cousin den finalen Exorzismus vor…

Ähnlich wie bei Romeros Zombie-Klassikern spielt auch bei „Martin“ Gesellschafts- und Zivilisationskritik eine zentrale Rolle. Diese setzt jedoch hier auf einer sehr viel persönlicheren Ebene an. Stephen King etwa attestierte dem Film eine klassische und visuell sinnliche Interpretation des Vampirmythos. Er sei eines der raren Filmbeispiele, die diesen Mythos genauestens untersuchen.

Romero’s Living Dead films are great but this is the best so far. It is too disturbing, bleak, and personal to have been a financial hit, even at midnight showings (….). In years to come this will be considered a classic.“ Michael Welden – The Psychotronic Encyclopedia of Film, 1983

Genre-Fans aufgepasst: Es gibt keine wirklichen Gore-Effekte zu bestaunen. Was aber nicht heißt, dass der Film nicht ein paar wirklich heftige Szenen enthält.

(Textverantwortlich: JU)

Martin Still
Unsere Filme im März - Déjà-Vu
Vertigo – Aus dem Reich der Toten
01.03.

Der ehemalige Polizist Scottie Ferguson (James Stewart), der nach einem Unfall an Höhenangst leidet und von Schuldgefühlen geplagt ist, erhält von seinem alten Schulfreund Gavin Elster (Tom Helmore) einen dringenden Auftrag. Dieser sorgt sich um seine Frau Madeleine (Kim Novak), die in einer seltsamen Verbindung zu einer Ahnin stehe und zunehmend von einer rätselhaften Todessehnsucht ergriffen sei. Scottie beginnt, Madeleine zu beschatten und verliebt sich. Doch ihr Verhältnis steht unter keinem guten Stern. Die Katastrophe ist im wahrsten Sinne vorgezeichnet…Mit Vertigo schuf Hitchcock einen wirklich schwindelerregenden Film, der dem Publikum den sicheren Boden unter den Füßen entzieht. Ein Film über Verlangen und Verlust, über Melancholie und Obsession, über die umherspukenden Geister der Vergangenheit.

Ingo Fließ urteilt im Metzler Filmlexikon: „Vertigo ist Hitchcocks reichhaltigster Film, in dem sich seine Themen, sein psychoanalytisches Interesse und seine stilistischen Vorlieben verbinden zu einem komplexen Geflecht, zumal sich die Spannung nach der Auflösung des Rätsels am Beginn des zweiten Teils vom kriminalistischen Aspekt  auf das emotionale Drama verlagert. Romantische Motive wie das des
Doppelgängers, die Fixierung auf eine unerreichbar scheinende Frau und die Erlösung im Tod werden mit der typisch Hitchcockschen Verwicklung eines durchschnittlichen, vernunftbegabten Protagonisten in einen Mordkomplott vermischt.

(Textverantwortlich: KK)
Vertigo – Aus dem Reich der Toten Still
Transit
08.03.

Die deutschen Truppen stehen vor Paris. Georg (Franz Rogowski), deutscher Flüchtling, entkommt im letzten Moment nach Marseille. Im Gepäck hat er die Hinterlassenschaft des Schriftstellers Weidel, der sich aus Angst vor seinen Verfolgern das Leben genommen hat: Ein Manuskript, Briefe, die Zusicherung eines Visums durch die mexikanische Botschaft.

In Marseille dürfen nur bleiben, die beweisen können, dass sie gehen werden. Visa für die möglichen Aufnahmeländer werden gebraucht, Transitvisa, die raren Tickets für die Schiffspassage. Georg erinnert sich der Papiere Weidels und nimmt dessen Identität an. Er taucht ein in die ungefähre Existenz des Transits. Flüchtlingsgespräche in den Korridoren des kleinen Hotels, der Konsulate, in den Cafés und Bars am Hafen. Lässt sich anderswo ein neues Leben beginnen?

Eine hoch aktuelle Adaption des Romans von Anna Seghers gelingt dem Regisseur Christian Petzold durch die Entkopplung von erzählter Zeit und gezeigtem Raum. Die Geschehnisse von 1942 werden platziert in einem Marseille, das kein realer Ort sein will, in dem sich Vergangenheit und Gegenwart nicht voneinander trennen lassen. Bestimmte Requisiten verweisen immer wieder auf den historischen Kontext. Seine Kraft entwickelt TRANSIT allerdings durch die Aktualität der Bilder, mit denen das Provisorische des Flüchtlingsdaseins, Verfolgung, Verlust, Menschlichkeit und die Hoffnung auf Seelenheil dargestellt werden.“ visionkino.de

Genau diese Entkopplung und Vermischung der beschriebenen Zeit in Anna Seghers Roman in die heutige Zeit macht für mich den Film, neben der wunderbaren Erzählweise, so besonders, da das Thema damit zeitlos bleibt. Ein Déjà-vu, passend zum aktuellen Weltgeschehen.

Triggerwarnung

(Textverantwortlich: KE)

Transit Still
Die Grube (Filmemacherin am Abend anwesend!)
15.03.

Thermen waren zu römischer Zeit ein vitaler Raum öffentlichen Lebens. Die entgeltfrei zugänglichen Badeanstalten stellten einen Dreh- und Angelpunkt des sozialen Miteinanders dar. Am städtischen Strand in Varna (Bulgarien) hat in einer Therme, genannt „die Grube“, diese Tradition bis in die Gegenwart überlebt.
Was im ersten Moment wie ein verklärender Blick ins Paradies erscheint, ist in Wahrheit ein kluges Porträt der bulgarischen Gegenwart. Die anrührende Untersuchung eines Mikrokosmos, der für eine ganze Gesellschaft steht. Ein Menschenmosaik aus persönlichen und politischen Geschichten: Schwelende Konflikte und hitzige Diskussionen fügen sich zu einem vielfältigen Ganzen. In der Grube am Goldstrand treffen gegensätzliche Weltbilder und übergreifende Trends aufeinander, und über allem schwebt, selbst bei schönstem Wetter, die dunkle Wolke der Ökonomisierung sämtlicher Lebensbereiche. (Textquelle: Berlinale.de)

Ich bin dankbar für die Chance, die wir hatten, DIE GRUBE zu machen. Dass die Geschichte über diesen besonderen Ort in Varna und diese besonderen Menschen meiner Heimat Zuschauer aus aller Welt erreichen und berühren konnte, ist überwältigend.“ Hristiana Raykova


Hristiana Raykova, die für ein Filmgespräch anwesend sein wird, begann nach einem Studium in Politikwissenschaft als freiberufliche Kamerafrau und Video-Editorin zu arbeiten und entdeckte während ihres Bachelorstudiums in Medienproduktion an der HS OWL die Freude an der Arbeit mit dem Dokumentarfilm. 2015 begann sie ihr Studium der Dokumentarfilmregie im Master an der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf. „Die Grube“ ist ihr Abschlussfilm und die Weltpremiere fand auf der 69. Berlinale statt.

(Textverantwortlich: KE)

Die Grube (Filmemacherin am Abend anwesend!) Still
Die unendliche Erinnerung
22.03.

Mit „La memoria infinita“ kehren wir zurück nach Chile, das Land, dem wir 2023 einen Kinomonat widmeten. Wieder spielt das Erinnern eine tragende Rolle; im Zentrum des vielfach ausgezeichneten Dokumentarfilms von Maite Alberdi steht jedoch die Liebe zweier Menschen, die bedroht wird durch eine lebens- und identitätszerstörende Krankheit.

In Chile sind sie ein prominentes Paar: Augusto Góngora, Journalist, bekämpfte im Fernsehen der 1980er Pinochet und nach der Diktatur die lähmende Amnesie, die das Land weiterhin fest im Griff hatte. Paulina Urrutia ist eine bekannte Schauspielerin, die in der sozialistischen Regierung Bachelet das Amt der Kultusministerin innehatte. Als bei Augusto Alzheimer diagnostiziert wird, beschließt sie, nicht nur die Pflege ihres Mannes zu übernehmen, sondern auch ihren gemeinsamen Alltag zu dokumentieren. Maite Alberdi, die sich bereits in früheren Werken wie „Ein Maulwurf im Altersheim“ (2020) mit dem Alter und seinen Begleiterscheinungen befasste, begleitete das Paar über Jahre hinweg und nähert sich seiner Geschichte mit Feingefühl, mitunter auch humorvoll an. Wie Esther Buss (Filmdienst) bemerkt, vereinigt „Die unendliche Erinnerung“ so unterschiedliche Elemente wie Paulinas „intim[e] Home Movies, deren technische Fehler vor Voyeurismus bewahren“, von Alberdi produziertes Material und private sowie Archivfundstücke. Das Ergebnis ist „kein Krankheitsprotokoll“, sondern „ausdrücklich als Liebesgeschichte konzipiert“.

Trotz des sperrigen Themas war der Film in Chile ein Publikumserfolg, der bei seiner Premiere Greta Gerwigs „Barbie“ von der Spitzenliste verdrängte. Beim Sundance Festival 2023 errang er den Preis der Grand Jury und im Februar 2024 den Goya in der Kategorie Iberoamerikanischer Film. Außerdem ist er für die Academy Awards 2024 nominiert.

(Textverantwortlich: AR) (=`ﻌ´=)

Die unendliche Erinnerung Still
Glücklich wie Lazzaro
29.03.

„Inviolata“ („unberührt“), ein ländlicher Flecken in einem Italien unbestimmter Zeit: In dieser vermeintlichen Idylle schuften die Einheimischen als Tagelöhner_innen auf den Tabakfeldern der Marchesa Alfonsina Di Luna (Nicoletta Braschi). Ganz unten in der Hackordnung ist der elternlose, zwanzigjährige Lazzaro (Adriano Tardiolo). Stets freundlich und sanft, beansprucht er nichts für sich und wird daher von den anderen für ein wenig dumm gehalten. Ausgerechnet um die Freundschaft Lazzaros wirbt Tankredi, Stammhalter der Di Lunas, der sich schrecklich langweilt in der Einöde des schmucken Familienanwesens. Zusammen durchstreifen sie die Gegend, täuschen gar Tankredis Verschwinden vor, als die Marchesa die Freunde auseinanderbringen will. Doch dann geschieht ein Unglück, und alles wird anders.

Philipp Stadelmeier (Süddeutsche Zeitung) erinnerte der mit dem „Besten Drehbuch“ in Cannes ausgezeichnete Film, der auf 16 mm gedreht wurde und daher „selbst wie aus einer anderen Zeit zu stammen [scheint]“, „ein wenig an Vittorio De Sicas ‚Das Wunder von Mailand‘ von 1951, in der ein anderer vom Himmel gesegneter Junge den Slumeinwohnern der Stadt etwas Glück und Freude bringt. Aber Rohrwachers Film ist viel bitterer als De Sicas sozialromantische Vision. Eher noch ist ihr Film ein Gleichnis auf eine lange Geschichte der Unterdrückung und der sozialen Ungleichheit in Italien und der Welt überhaupt, im Geiste Pier Paolo Pasolinis. … Er durchquert eine Geschichte der Bosheit und Unterdrückung und ist dabei so naiv, dass er es nicht bemerkt. Der Heilige ist auch ein Idiot. … Aber nur durch ihn ist in dieser Unterdrückung kurz so etwas Absurdes aufgeleuchtet wie die Idee, dass alle Menschen glücklich sein könnten.“

(Textverantwortlich: AR)    ₍˄·͈༝·͈˄₎◞ ̑̑

Glücklich wie Lazzaro Still
Unsere Filme im April - Schreiben
Rabot 4-358 & Rabot II (Doku- Performance)
26.04.

Weitere Infos folgen bald!

Rabot 4-358 & Rabot II (Doku- Performance) Still