Unsere Filme im September - Rache
Ravenous – Friss oder Stirb
18.09.

Der US-Soldat John Boyd (Guy Pearce) wird während des Mexikanisch-Amerikanischen Krieges 1846 in die Sierra Nevada strafversetzt. Die dortigen Soldaten finden einen halb erfrorenen Mann (Robert Carlyle), der sich Colqhoun nennt und ihnen von einem Horror-Trip erzählt: Seine Gruppe, die auf dem Weg gen Westküste war, verirrte sich und der bösartige Colonel Ives verfütterte, als die Lebensmittel knapp wurden, nach und nach die Mitreisenden, darunter auch Frauen und Kinder, an den Rest der Gruppe. Solch Barbarei können die wackeren amerikanischen Soldaten natürlich nicht auf sich sitzen lassen. Ab geht’s auf einen gefährlichen Treck in die Berge, um die möglichen Überlebenden zu retten – trotz der Warnungen von George, dem „Indian Scout“, vor dem Wendigo-Mythos. Dieser besagt, dass jede_r, der/die menschliches Fleisch konsumiert, die Stärke des Opfers in sich aufnimmt und fortan unersättlich danach wird. Auch Colqhoun benimmt sich immer verdächtiger und bald ist Boyd in einem gefährlichen Katz-und-Maus-Spiel gefangen.

„Ravenous“ ist ein kleines, kultiges Horror-Juwel. Mit einem bitterschwarzen Humor bearbeitet der Film ein doch sehr ernstes Thema. „Ravenous is a movie about America, and is there a better monster for the era of Manifest Destiny which saw white settlers murder, consume, and cannibalize the existing land for their own satisfaction?“, schreibt Ziah Grace im „Hyperreal Film Journal“. Pearce und Carlyle spielen wunderbar gegen- und miteinander und lassen so den homoerotischen Subtext schon fast Text werden. Mit dem FSK 18-Label des zeitweise indizierten Films gibt’s für Horror- und Practical Effects Fans natürlich einiges Grausiges zu sehen. Rache geht, wie die Liebe, eben durch den Magen.

Contentwarnung

(Textverantwortlich: LF)

Ravenous – Friss oder Stirb Still
Die Teuflischen
25.09.

Knabeninternat, Frankreich, Provinz: Alle hassen Schulleiter Michel – tyrannisch, sadistisch, geizig, ein Trinker und Frauenheld. Dabei hat er sich ins gemachte Nest gesetzt – Christina, Michels Frau, hatte die Schule mit in die Ehe gebracht. Tagtäglich wird die schüchterne, kränkliche Frau seither von ihm vor den Augen aller gedemütigt. Auch sein Verhältnis mit der toughen, attraktiven Lehrerin Nicole gehört dazu. Doch auch Nicole reicht’s irgendwann, und so überredet sie Christina, gemeinsam Rache zu nehmen…

„Besessen“ und „perfektionistisch“ nennt ihn das Ray Filmmagazin. Obsessionen waren auch ein wiederkehrendes Motiv im Werk Henri-Georges Clouzots. Er war einer der Paten des Film Noir, noch bevor dieser Begriff in den späten 1940ern von der französischen Filmkritik in Umlauf gebracht wurde. Höchst umstritten war der Umstand, dass Clouzots düstere Langfilmdebüts von 1942 und ′43 von den deutschen Besatzern produziert worden waren. Unbestritten bleibt der filmhistorische Rang und populärkulturelle Einfluss von Werken wie „Der Rabe“ (1943), „Lohn der Angst“ (1953) oder eben von „Die Teuflischen“ (1955), die obendrein mit einem Prototyp des tüddelig-ausgebufften Ermittlers à la Columbo aufwarten. Clouzot hatte schon in den 1940ern mit dem Schauspieler und überzeugten Kommunisten Yves Montand zusammengearbeitet, später auch mit Simone Signoret, dessen gleichgesinnter Frau. In „Die Teuflischen“ heckt sie als Nicole an der Seite von Clouzots Ehefrau Véra Schlimmes aus.

„Die Teuflischen“ war ein Publikumsschlager und wurde mit internationalen Preisen ausgezeichnet. 1996 gab’s ein weniger überzeugendes, wenn auch toll besetztes Remake mit Isabelle Adjani, Sharon Stone, Chazz Palminteri und Kathy Bates.

(Textverantwortlich: AR)

Die Teuflischen Still
Unsere Filme im Oktober - Künstler_in
„Alpha“
02.10.

Im Frankreich der 1980er Jahre bricht eine rätselhafte Epidemie aus, die Menschen langsam in Marmorstatuen verwandelt. Inmitten dieser bedrohlichen Zeit kämpft die 13-jährige Alpha mit ihrer eigenen Verwandlung – dem schmerzhaften Übergang zwischen Kindheit und Erwachsenwerden. Als mysteriöse Gerüchte über eine Infektion die Runde machen und ihr furchtloser Onkel Amin auftaucht, gerät das fragile Gleichgewicht ihrer Familie endgültig ins Wanken.

Ducournaus neuester Film, den wir mit diesem Screening auch nach Bielefeld bringen, vereint das für sie charakteristische diskursive und emotional aufgeladene Körperkino, präsentiert sich jedoch zugleich als ihr bislang stillster und melancholischster Film. Während „Raw“ und der Cannes-prämierte „Titane“ mit Szenen arbeiteten, die Zuschauer_innen auch zum Wegsehen zwangen, erscheint „Alpha“ deutlich weniger konfrontativ. Seine Wirkung entsteht weniger aus Schock oder Ekel als vielmehr aus dem spannungsvollen Wechselspiel zwischen Abstoßung und Faszination.

„‚Alpha‘ ist mutig und revolutionär, ein Film, der Familie nicht als sozial codiertes Beziehungsgeflecht denkt, sondern als innige Verbundenheit unter Individuen. Es sind keine Funktionen wie Bruder, Mutter, Tochter, sondern einander innig liebende Menschen, die gemeinsam eine Apokalypse durchmachen, die von Seuchen und Heroinsucht geprägt ist. ‚Alpha‘ ist eine poetisch visualisierte Erzählung über Träume und inneren und äußeren Horror.“ Natalie Brunner

Musikalisch hat „Alpha“ einen grandiosen Soundtrack mit Beiträgen von Portishead, Ludwig van Beethoven, Tame Impala und Nick Cave zu bieten!

(Textverantwortlich: KE)

„Alpha“ Still
Dry Leaf
09.10.

Die junge Sportfotografin Lisa verschwindet und möchte nicht, dass nach ihr gesucht wird. Das schreibt sie in einem Brief an ihre Eltern Nino und Irakli. Doch der Vater kann sich mit dem Verschwinden nicht abfinden und begibt sich gemeinsam mit dem besten Freund Lisas, dem mysteriösen unsichtbaren Levan, auf die Suche nach seiner Tochter, die zuletzt an einer Reportage über abgelegene Fußballplätze im georgischen Hinterland arbeitete. Ihre beinahe aussichtslos erscheinende Spurensuche führt sie durch abgelegene Dörfer, verwilderte und halbverlassene Fußballplätze und zu Begegnungen mit Menschen und Tieren.

104 Gramm schwer und 10 Centimeter groß ist die Videotechnik, mit der Alexander Koberidze seinen dritten Spielfilm drehte: es handelt sich um ein Handy, ein Sony Ericsson w595 mit einer Auflösung von starken 3,2 Megapixel aus dem Jahr 2008. Bereits seinen ersten Langfilm drehte der Regisseur mit diesem Handy. Auch wenn also bei „Dry Leaf“ die Orte, wie Koberidze sagt, „einfach so gefilmt“ werden, wie sie vorgefunden wurden, so durchbricht nicht zuletzt die Technik selbst diesen Realismus wieder durch die extrem ins Abstrakte verfremdenden schwammigen, verpixelten Bilder, die beinahe ein unkontrollierbares Eigenleben zu führen scheinen. Sie tragen damit auch zur thematischen Spannung des Films zwischen Sichtbarkeit und Verschwinden, Vergangenem und Gegenwärtigen, Plan und Zufall bei. Mit seiner langen Laufzeit, der langsam dahintreibenden Roadmovie-Erzählung in der georgischen Provinz und seiner sonderbaren Visualität stellt der Film sicher auch eine ästhetische Provokation dar – und wo wäre er also besser aufgehoben als im Offkino?

Gaby Sikorski verortet den Film „irgendwo zwischen Roadmovie und Van Gogh, zwischen Märchen und Monet“. programmkino.de

(Textverantwortlich: KK)

Dry Leaf Still
The Devil’s Cleavage
16.10.

Die Geschichte der Krankenschwester Ginger (Ainslie Pryor) erzählt von einer Frau, die der Großstadt und ihrem nichtsnutzigen Mann den Rücken kehrt, um im ländlichen Oklahoma nach Glück und Leidenschaft zu suchen. Mit seinem schrägen Humor, der überdrehten Inszenierung und einer großen Portion Zärtlichkeit erweist sich der Film als eigenwilllige, queere Liebeserklärung an die Melodramen von Douglas Sirk und Vincente Minnelli. Grelles Make-up, liebevoll selbstgebaute Kulissen, ungewöhnliche Spezialeffekte und Dialoge voller Wortwitz und Anzüglichkeiten machen ihn zu einem einzigartigen Werk des amerikanischen Underground-Kinos. Bei uns im OFFKINO von 16mm projiziert!

George Kuchar (1942–2011) drehte seit den 1950er Jahren gemeinsam mit seinem Zwillingsbruder Mike Kuchar DIY- Filme mit Freund_innen, improvisierten Requisiten und einer ungebremsten Begeisterung für Hollywood-Melodramen, Science-Fiction-B-Movies und große Gefühle. Dabei entstand kein unbeholfenes Amateurkino, sondern eine ganz eigene filmische Ausdrucksform, die in der aufkommenden Underground-Filmszene zusammen mit Werken von Andy Warhol, Kenneth Anger und Stan Brakhage aufgeführt wurde.Die Kuchar-Brüder verstanden Camp nicht als ironische Pose, sondern als kreative Überlebensstrategie. Ihre Filme sind hysterisch, komisch, erotisch, traurig, künstlich und gleichzeitig seltsam aufrichtig. Sie lieben das Übertriebene, aber nie aus Distanz. Gerade darin liegt ihre Größe.“ Filmclub 813

John Waters übrigens – von dem wir diesen Monat auch einen weiteren Film zeigen bezeichnet George Kuchar als seinen Lieblingsregisseur und wurde maßgeblich von seinen Filmen beeinflusst.

(Textverantwortlich: KE)

The Devil’s Cleavage Still
„Sofalandschaft am Nachthimmel“ Ein Filmabend mit Brandt und Gensheimer
23.10.

Nach dem wunderbaren Filmabend in 2019 mit dem Titel „Warum hast du mir nicht gesagt, dass du zwei Arme hast“ freuen wir uns sehr, Christine Gensheimer & Renke Brandt mit einem 2. Filmprogramm bei uns zu Gast zu haben!


Ein Riss durch Raum, Zeit und Gesellschaft tut sich auf. Renke Brandt und Christine Gensheimer stolpern beherzt hindurch. Was sie dort sehen, fühlen und schmecken, versuchen sie mittels mittelmoderner Tricktechnik auf Megabyte zu bannen. „Sofalandschaft am Nachthimmel“ bündelt eine neue Auswahl ihrer Kurzfilme, Miniaturen, Musikvideos und Fundstücke.

Zusätzlich blickt Brandt in einer Dokumentation teils erbarmungslos, teils rührselig auf seine bisherige Fotografenlaufbahn zurück. Der Wahn, sich selbst und seine Umwelt fotografisch zu erfassen, scheint ihn dabei immer tiefer in einen Abgrund zu ziehen. Die Dokumentation lässt Brandt unkommentiert reden und verzichtet auf eine Einordnung.

Christine Gensheimer stammt noch aus der Prä-Internet-Ära und vertritt die „Düstere Heiterkeit“. Sie hat ein Faible für Unheimliches, Verschrobenes und Aussenseiter_innen. Und die damit einhergehende Komik. In Gensheimers animierten Fotocollagen ist alles möglich, alles kann sich verwandeln, verkleinern, vergrößern, Zeiten und Räume durchqueren -und vor allen Dingen in den Spalt zwischen den Filmbildern für immer verschwinden.

Renke Brandt bebildert seit 2024 mit seiner Kolumne „Welträumchen“ die letzte Seite der Satirezeitschrift Titanic und wurde 2025 mit dem Sondermann-Förderpreis für komische Kunst ausgezeichnet.

https://www.christinegensheimer.de/
https://www.renkebrandt.de/

(Textverantwortlich: KE)

„Sofalandschaft am Nachthimmel“ Ein Filmabend mit Brandt und Gensheimer Still
Der Pecker
30.10.

Pecker (Edward Furlong) fotografiert mit seiner billigen Second-Hand-Kamera obsessiv den Alltag in Baltimore. Seine Bilder sind nicht immer scharf und seine Motive aus dem schrägen Viertel und von seiner Familie teilweise ziemlich skurril – für eine Ausstellung in dem Imbiss, in dem Pecker arbeitet, reicht es jedoch allemal. Dort taucht auch zufällig die überdrehte Galeristin Rorey Wheeler (Lili Taylor) auf, die total begeistert von Peckers Bildern ist. Sie beschließt, seine Werke in ihrer New Yorker Galerie auszustellen. Dies trifft den Nerv der Kunstschickeria und Pecker wird überraschend zum gefeierten Künstler und gemeinsam mit seiner Freundin Shelley (Christina Ricci) und seiner exzentrischen Familie in die Welt der New Yorker Kunstszene katapultiert. Der plötzliche Ruhm bringt jedoch einige Probleme mit sich, auch, da die Lebensstile der Fotografierten in die Öffentlichkeit gezerrt werden…

Nachdem wir kürzlich die Filmperle „Desperate Living“ von Underground-Ikone John Waters gezeigt haben, kommt nun mit „Pecker“ ein Film, der zu Waters‘ zugänglicheren Filmen zählt, ohne seinen bissigen Humor und liebevollen Blick auf Außenseiter_innen und schräge Charaktere vermissen zu lassen.Die scharfsinnige & charmante Satire nimmt die Absurditäten des selbstgefälligen Galerie- und Kunstbetriebs aufs Korn und setzt sich auf spielerische Art und Weise mit Ausbeutung, Einverständnis und Ruhm auseinander. Das alles mit einem gewohnt großartigen Ensemble sowie augenzwinkernden Gastauftritten von u. a. Patricia Hearst und Cindy Sherman!

Im Grunde erzählt „Pecker“ vom ewigen, schwierigen Balanceakt zwischen Outsider Art und der kommerziellen Kunstwelt – und wer könnte sich da besser auskennen als John Waters?“ Hackesche Höfe Kino

(Textverantwortlich: KE)

Der Pecker Still