Unsere Filme im Oktober - Künstler_in
Dry Leaf
09.10.

Die junge Sportfotografin Lisa verschwindet und möchte nicht, dass nach ihr gesucht wird. Das schreibt sie in einem Brief an ihre Eltern Nino und Irakli. Doch der Vater kann sich mit dem Verschwinden nicht abfinden und begibt sich gemeinsam mit dem besten Freund Lisas, dem mysteriösen unsichtbaren Levan, auf die Suche nach seiner Tochter, die zuletzt an einer Reportage über abgelegene Fußballplätze im georgischen Hinterland arbeitete. Ihre beinahe aussichtslos erscheinende Spurensuche führt sie durch abgelegene Dörfer, verwilderte und halbverlassene Fußballplätze und zu Begegnungen mit Menschen und Tieren.

104 Gramm schwer und 10 Centimeter groß ist die Videotechnik, mit der Alexander Koberidze seinen dritten Spielfilm drehte: es handelt sich um ein Handy, ein Sony Ericsson w595 mit einer Auflösung von starken 3,2 Megapixel aus dem Jahr 2008. Bereits seinen ersten Langfilm drehte der Regisseur mit diesem Handy. Auch wenn also bei „Dry Leaf“ die Orte, wie Koberidze sagt, „einfach so gefilmt“ werden, wie sie vorgefunden wurden, so durchbricht nicht zuletzt die Technik selbst diesen Realismus wieder durch die extrem ins Abstrakte verfremdenden schwammigen, verpixelten Bilder, die beinahe ein unkontrollierbares Eigenleben zu führen scheinen. Sie tragen damit auch zur thematischen Spannung des Films zwischen Sichtbarkeit und Verschwinden, Vergangenem und Gegenwärtigen, Plan und Zufall bei. Mit seiner langen Laufzeit, der langsam dahintreibenden Roadmovie-Erzählung in der georgischen Provinz und seiner sonderbaren Visualität stellt der Film sicher auch eine ästhetische Provokation dar – und wo wäre er also besser aufgehoben als im Offkino?

Gaby Sikorski verortet den Film „irgendwo zwischen Roadmovie und Van Gogh, zwischen Märchen und Monet“. programmkino.de

(Textverantwortlich: KK)

Dry Leaf Still
The Devil’s Cleavage
16.10.

Die Geschichte der Krankenschwester Ginger (Ainslie Pryor) erzählt von einer Frau, die der Großstadt und ihrem nichtsnutzigen Mann den Rücken kehrt, um im ländlichen Oklahoma nach Glück und Leidenschaft zu suchen. Mit seinem schrägen Humor, der überdrehten Inszenierung und einer großen Portion Zärtlichkeit erweist sich der Film als eigenwilllige, queere Liebeserklärung an die Melodramen von Douglas Sirk und Vincente Minnelli. Grelles Make-up, liebevoll selbstgebaute Kulissen, ungewöhnliche Spezialeffekte und Dialoge voller Wortwitz und Anzüglichkeiten machen ihn zu einem einzigartigen Werk des amerikanischen Underground-Kinos. Bei uns im OFFKINO von 16mm projiziert!

George Kuchar (1942–2011) drehte seit den 1950er Jahren gemeinsam mit seinem Zwillingsbruder Mike Kuchar DIY- Filme mit Freund_innen, improvisierten Requisiten und einer ungebremsten Begeisterung für Hollywood-Melodramen, Science-Fiction-B-Movies und große Gefühle. Dabei entstand kein unbeholfenes Amateurkino, sondern eine ganz eigene filmische Ausdrucksform, die in der aufkommenden Underground-Filmszene zusammen mit Werken von Andy Warhol, Kenneth Anger und Stan Brakhage aufgeführt wurde.„Die Kuchar-Brüder verstanden Camp nicht als ironische Pose, sondern als kreative Überlebensstrategie. Ihre Filme sind hysterisch, komisch, erotisch, traurig, künstlich und gleichzeitig seltsam aufrichtig. Sie lieben das Übertriebene, aber nie aus Distanz. Gerade darin liegt ihre Größe.“ Filmclub 813

John Waters übrigens – von dem wir diesen Monat auch einen weiteren Film zeigen – bezeichnet George Kuchar als seinen Lieblingsregisseur und wurde maßgeblich von seinen Filmen beeinflusst.

(Textverantwortlich: KE)

The Devil’s Cleavage Still
„Sofalandschaft am Nachthimmel“ Ein Filmabend mit Brandt und Gensheimer
23.10.

Nach dem wunderbaren Filmabend in 2019 mit dem Titel „Warum hast du mir nicht gesagt, dass du zwei Arme hast“ freuen wir uns sehr, Christine Gensheimer & Renke Brandt mit einem 2. Filmprogramm bei uns zu Gast zu haben!


Ein Riss durch Raum, Zeit und Gesellschaft tut sich auf. Renke Brandt und Christine Gensheimer stolpern beherzt hindurch. Was sie dort sehen, fühlen und schmecken, versuchen sie mittels mittelmoderner Tricktechnik auf Megabyte zu bannen. „Sofalandschaft am Nachthimmel“ bündelt eine neue Auswahl ihrer Kurzfilme, Miniaturen, Musikvideos und Fundstücke.

Zusätzlich blickt Brandt in einer Dokumentation teils erbarmungslos, teils rührselig auf seine bisherige Fotografenlaufbahn zurück. Der Wahn, sich selbst und seine Umwelt fotografisch zu erfassen, scheint ihn dabei immer tiefer in einen Abgrund zu ziehen. Die Dokumentation lässt Brandt unkommentiert reden und verzichtet auf eine Einordnung.

Christine Gensheimer stammt noch aus der Prä-Internet-Ära und vertritt die „Düstere Heiterkeit“. Sie hat ein Faible für Unheimliches, Verschrobenes und Aussenseiter_innen. Und die damit einhergehende Komik. In Gensheimers animierten Fotocollagen ist alles möglich, alles kann sich verwandeln, verkleinern, vergrößern, Zeiten und Räume durchqueren -und vor allen Dingen in den Spalt zwischen den Filmbildern für immer verschwinden.

Renke Brandt bebildert seit 2024 mit seiner Kolumne „Welträumchen“ die letzte Seite der Satirezeitschrift Titanic und wurde 2025 mit dem Sondermann-Förderpreis für komische Kunst ausgezeichnet.

https://www.christinegensheimer.de/
https://www.renkebrandt.de/

(Textverantwortlich: KE)

„Sofalandschaft am Nachthimmel“ Ein Filmabend mit Brandt und Gensheimer Still
Der Pecker
30.10.

Pecker (Edward Furlong) fotografiert mit seiner billigen Second-Hand-Kamera obsessiv den Alltag in Baltimore. Seine Bilder sind nicht immer scharf und seine Motive aus dem schrägen Viertel und von seiner Familie teilweise ziemlich skurril – für eine Ausstellung in dem Imbiss, in dem Pecker arbeitet, reicht es jedoch allemal. Dort taucht auch zufällig die überdrehte Galeristin Rorey Wheeler (Lili Taylor) auf, die total begeistert von Peckers Bildern ist. Sie beschließt, seine Werke in ihrer New Yorker Galerie auszustellen. Dies trifft den Nerv der Kunstschickeria und Pecker wird überraschend zum gefeierten Künstler und gemeinsam mit seiner Freundin Shelley (Christina Ricci) und seiner exzentrischen Familie in die Welt der New Yorker Kunstszene katapultiert. Der plötzliche Ruhm bringt jedoch einige Probleme mit sich, auch, da die Lebensstile der Fotografierten in die Öffentlichkeit gezerrt werden…

Nachdem wir kürzlich die Filmperle „Desperate Living“ von Underground-Ikone John Waters gezeigt haben, kommt nun mit „Pecker“ ein Film, der zu Waters‘ zugänglicheren Filmen zählt, ohne seinen bissigen Humor und liebevollen Blick auf Außenseiter_innen und schräge Charaktere vermissen zu lassen.Die scharfsinnige & charmante Satire nimmt die Absurditäten des selbstgefälligen Galerie- und Kunstbetriebs aufs Korn und setzt sich auf spielerische Art und Weise mit Ausbeutung, Einverständnis und Ruhm auseinander. Das alles mit einem gewohnt großartigen Ensemble sowie augenzwinkernden Gastauftritten von u. a. Patricia Hearst und Cindy Sherman!

„Im Grunde erzählt „Pecker“ vom ewigen, schwierigen Balanceakt zwischen Outsider Art und der kommerziellen Kunstwelt – und wer könnte sich da besser auskennen als John Waters?“ Hackesche Höfe Kino

(Textverantwortlich: KE)

Der Pecker Still