Unsere Filme im Oktober - Das hat ein Nachspiel
Der große Irrtum
30.10.

Zur Zeit des Faschismus in Italien: Aus einem übertriebenem Anpassungsbedürfnis heraus entschließt sich der Beamte Marcello Clerici (Trintignant), sich der Geheimpolizei des faschistischen Italiens anzuschließen. Dieses Bedürfnis, möglichst normal und gesellschaftlich angepasst zu sein, resultiert aus einem Schuldgefühl aus seiner Jugend. Der Geheimpolizei bietet er an, während seiner Flitterwochen in Paris, seinen ehemaligen Professor Quadri (Tarascio) auszuspionieren, der im Exil zu einem Führungsmitglied der Antifaschisten geworden ist. Doch nach kurzer Zeit erhält er den Auftrag seinen ehemaligen Professor nicht nur zu bespitzeln, sondern dessen Ermordung vorzubereiten.

„Der große Irrtum“ basiert auf dem Roman „Der Konformist“ von Alberto Moravia. Bernardo Bertolucci (u.a. „Der letzte Kaiser“) erzählt die politische Spionagehandlung in einer sprunghaften Chronologie als subjektive Erinnerung der Hauptfigur, in einem lyrischen Ton und mit Action-Elementen. Das Hauptmotiv des Films, Platons Höhlengleichnis, illustriert die Lügen, die sich die Hauptfigur einredet: Etwas anderes als die Denkweise der Faschisten will er nicht akzeptieren, weil er glaubt so seine „Normalität“ zu verlieren. Bertolucci und sein Kameramann Vittorio Storaro entwickelten einen ausgeprägten visuellen Stil mit luxuriöser Ausstattung und Anleihen beim Unterhaltungskino der 1930er Jahre. Der Film taucht regelmäßig in der Besprechung über die am schönsten fotografierten Filme aller Zeiten auf. Die melancholische Musik George Delerues tut ein Übriges, um sich in der Zeit zu verlieren.
Der Film lief 1970 auf der Berlinale und wurde für den Oscar für das beste Originaldrehbuch nominiert. Dazu wurde der Film mit dem David di Donatello als Bester Film ausgezeichnet.

Der große Irrtum Still
Unsere Filme im November - Das hat ein Nachspiel
Varda par Agnès
06.11.

Die französische Filmemacherin Agnès Varda ist 2019 im Alter von 90 Jahren verstorben. Wir zeigen nun mit „Varda par Agnès“ ihr letztes Werk – ein filmisches Selbstportrait und eine sympathische und weise Lektion darüber, was im Leben und beim Filmemachen wichtig ist: Ein kreatives Leben voller Begegnungen. Wie in ihrem vorletzten Film „Augenblicke: Gesichter einer Reise“ wird auch in „Varda par Agnès“ in den vielzähligen Begegnungen mit anderen Menschen deutlich, was Agnès Varda war, eine große Erzählerin des Lebens.

Die gelernte Fotografin, Installations-Künstlerin und Wegbereiterin der „Nouvelle Vague“ ist eine Institution des französischen Kinos und Kämpferin gegen alles Institutionelle im Denken. Sie gibt Einblicke in ihr Schaffen und illustriert, eher assoziativ als chronologisch, künstlerische Visionen und Ideen mit Ausschnitten aus ihrem Werk. Ihre lebendigen, anekdotenreichen und klugen Lektionen unterteilt sie in zwei Abschnitte: In ihren Ausführungen zur „analogen Zeit“ von 1954 bis 2000 steht die Regisseurin im Vordergrund. Eine junge Frau, die auszog, das Kino neu zu erfinden, und auch im Fiktionalen immer offen für den Zufall, für dokumentarische Momente ist, die mit jedem neuen Film auch ihren Erzählstil wechselt. Im zweiten Teil befasst sich Agnès Varda mit den Jahren von 2000 bis 2018 und zeigt, wie sie die digitale Technik nutzt, um in ihrer ganz eigenen Art auf die Welt zu blicken.
Vor und hinter der Kamera erweist sich Agnès Varda als visuelle Geschichtenerzählerin fern von allen Konventionen und vorgegebenen Dramaturgien. Gemeinsam mit einigen Weggefährten nimmt sie die Zuschauer_innen mit auf eine Reise durch unorthodoxe Bilderwelten.

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Verdammt in alle Ewigkeit
13.11.

Ein Leinwandkuss, der dem Filmtitel alle Ehre macht. Zum einen haben Deborah Kerr und Burt Lancaster mit ihrem „Strandgeflüster“ Filmgeschichte geschrieben. Zum anderen war „der Kuss“ für das prüde Amerika der 1950er Jahre „too much“. Deborah Kerr hat lange gebraucht, sich von dieser Filmszene zu emanzipieren.

Wir schreiben das Jahr 1941. Amerika steht vor dem Kriegseintritt. Kurz vor dem japanischen Angriff auf Pearl Habor läßt sich Korporal Prewitt (Montgomery Clift) nach Hawaii versetzen. Denn er wollte nicht mehr für seine Truppe boxen, seit ein Freund infolge seiner Hiebe erblindet ist. Dort aber herrschen rauhe Sitten und auch hier soll er in der Boxstaffel tätig werden. Prewitt verweigert seinen Einsatz und wird daraufhin grausam schikaniert. Nur drei Freund_innen halten zu ihm: Sergeant Warden (Burt Lancaster), die Bardame Lorene (Donna Reed) und der Soldat Maggio (Frank Sinatra). Als Letzterer durch eine Intrige stirbt, sieht Prewitt rot und desertiert. Bis die Japaner kommen…

Kein Film seit „Gone With the Wind“ (1939) hatte die Academy Awards derart dominiert wie „From Here to Eternity“. Für 13 „Oscars“ war er nominiert und er gewann acht in einer Reihe der wichtigsten Kategorien, darunter Bester Film, Bester Nebendarsteller (Sinatra), Beste Nebendarstellerin (Reed), Bester Regisseur, Bestes Drehbuch. Die Feuilleton-Federn auflagenstarker Zeitungen überhäuften das Werk mit positiven Kritiken, außerdem spielte es ein Vielfaches seiner Produktionskosten ein. „From Here to Eternity“ gehörte zu den Höhepunkten einer Ära des Filmemachens, die schon bald vorüber sein sollte.“ Filmkuratorium

Das Lexikon des Internationalen Films schreibt: „[…] einer der besten Männerfilme Hollywoods“. Auf der anderen Seite ist das Drehbuch aber so angelegt, dass den beiden wichtigen Frauenrollen deutlich mehr Raum und Persönlichkeit beigemessen wird, als es die meisten Hollywood-Filme dieser Zeit taten.

Verdammt in alle Ewigkeit Still
Occupied Cinema
20.11.

Thematisch anschließend an unseren Filmabend mit dem „Cinéma La Clef“ im Oktober geht es auch in „Occupied Cinema“ um die notwendige Besetzung eines Kinos.
Das im Herzen Belgrads gelegene Kino ZVEZDA ist eins von fünfzehn in 2007 auf einen Schlag privatisierten und anschließend stillgelegten Belgrader Kinos. Der Film dokumentiert den Verlauf der Besetzung. Unter den Besetzer_innen befinden sich sowohl Privatisierungsgegner_innen, die ein allgemeines politisches Interesse verfolgen, als auch Filmemacher_innen und Leute aus der Filmbranche, die das Kino als solches reaktivieren wollen. Angesichts der Tatsache, dass es in Belgrad kein Kino mehr gibt, in dem überhaupt serbische Filme gezeigt werden könnten.
Die Dokumentation zeigt vor allem das Tauziehen unter den Besetzer_innen, entlassene Kinoangestellte und auswärtige Unterstützer_innen werden mit eingebunden. Es geht um grundsätzliche Fragen, wie: Wer hat das Sagen? Wer definiert die politische Strategie? Wo liegen die individuellen Interessen innerhalb einer kollektiven Aktion?

Die Besetzung des Kinos war eine Gelegenheit für die Menschen, zusammenzukommen, sich selbst zu organisieren […], die Marktlogik im Wesentlichen zu umgehen und sich vom ideologischen Apparat des Staates zu lösen. Einen Moment später brach alles zusammen.“ Senka Domanović

Wir zeigen „Occupied Cinema“ im Rahmen einer Premieren-Tour in Deutschland, entstanden im Austausch und in Kooperation mit unserem europäischen Netzwerk KINO CLIMATES.

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Letters to Paul Morrissey
27.11.

Als Hommage an Andy Warhol auf dem Filmformat 16mm gedreht, besteht „Letters to Paul Morrissey“ aus kurzen Stücken, die Filmbriefe genannt werden. Fünf Geschichten, scheinbar unabhängig voneinander, die alle an den Kultfilmemacher Paul Morrissey adressiert sind. Der vor allem durch seine Zugehörigkeit zu Warhols Factory und Filmen wie „Trash“, vom Regisseur Rovira als wichtige Inspiration bezeichnet, bekannt ist.
Die Hauptdarsteller_innen stammen aus verschiedenen Ländern und teilen die gleichen existenziellen Probleme, wie die Figuren aus Morrisseys eigenen Filmen. Wir sehen Menschen, die ihre Gefühle, Reflexionen und neuen Erfahrungen mitteilen – dabei manchmal hoffnungsvoll, resigniert oder einfach nur auf der Suche nach etwas: Joe Dallesandro, der sachlich erklärt, dass er „seine Erfahrung mit Drogen nie bereuen wird„, zwei verfluchte Liebende, ein Mann auf der Suche nach seiner Erlösung, eine erfolglose Schauspielerin in existentieller Krise und eine Japanerin mit einer mysteriösen Krankheit.

„Ich wollte nie etwas Besonderes sein; ich wollte nur Filme machen“, behauptete Morrissey offenbar einmal, aber wie dieses kleine Juwel beweist, lebt sein Werk eindeutig weiter. Und passend dazu bringt es andere dazu, ebenfalls Filme machen zu wollen.“ Marta Bałaga

Wir freuen uns, das spannende Spielfilm-Debut des spanischen Filmemachers Armand Rovira als Premiere im Offkino präsentieren zu können.

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