Unsere Filme im Februar - Ballade
Candyman’s Fluch
22.02.

Bei ihre Recherche über „urbane Mythen“ stößt Studentin Helen (Virginia Madsen) auf die Legende vom Candyman (Tony Todd): 1890 verliebte sich der schwarze Künstler in ein weißes Mädchen, doch ihr Vater ließ ihn töten. – Helen ist von der Figur fasziniert. Sie ahnt nicht, dass Candyman von den Toten zurückgekehrt ist und ihr Interesse erwidert: Er meuchelt alle in Helens Nähe…“ cinema

„Candyman’s Fluch“ basiert auf einer Kurzgeschichte („The Forbidden“) von Clive Barker und ist ein psychologisch und atmosphärisch dichter und komplexer Film, der weitaus mehr vollbringt, als nur die altbekannten Klischees des Horrorfilms der 1990er zu bedienen. Für mich einer der Besten seiner Zeit.
Bernard Roses Film beschäftigt sich mit der Entstehung von städtischer Folklore. „Candyman’s Fluch“ besitzt sowohl ein politisches als auch ein soziales Bewusstsein. Die Legende vom Candyman nährt sich aus den Ängsten der sozialen Außenseiter_innen, der Abgehängten, die in einem Ghetto am Rand der Stadt in Armut leben und sich mit Kriminalität über Wasser halten. Das Ghetto liegt nur einen Katzensprung von Helens noblem Apartmenthaus entfernt, das ebenfalls ursprünglich zum sozialen Wohnungsbau gehörte, bevor die Stadt beschloss, es in Eigentumswohnungen umzuwandeln.
Der Film spiegelt diese beiden unterschiedlichen Lebensräume. Der Mythos Candyman kann nur überleben, wenn weiterhin an ihn geglaubt wird. In einer bedeutsamen Einstellung sehen wir, wie ein entführtes Baby am Finger des Candyman nuckelt. So nährt sich die Legende von Generation zu Generation.
Und nicht zuletzt der überragende Score von Philip Glass lässt „Candyman’s Fluch“ noch lange nachwirken.

Candyman’s Fluch Still
Unsere Filme im März - Verfolgt!
Fahrraddiebe
01.03.

Bereits während des zweiten Weltkriegs entstand in Italien mit dem Neorealismus eine neue Bewegung, die sich in ihrer rauen und dokumentarisch angehauchten Ästhetik deutlich von den damaligen Beiträgen des Mainstreamkinos unterschied. „Fahrraddiebe“ aus dem Jahr 1948 ist wohl neben Roberto Rossellinis „Rom, offene Stadt“ der wichtigste Beitrag des italienischen Neorealismus und basiert auf einem Roman des Schriftstellers Luigi Bartolini. Vittorio De Sicas Drama erzählt die Geschichte des Plakatklebers Antonio Ricci (Lamberto Maggiorani), der im Rom kurz nach dem zweiten Weltkrieg dringend nach Arbeit sucht, um seine Familie zu ernähren. Voraussetzung für die Sicherung seines Arbeitsplatzes ist es, ein eigenes Fahrrad zu besitzen. Da ist es natürlich klar, dass es den armen Antonio wie ein Schock trifft, als sein Fahrrad eines Tages gestohlen wird. Der völlig verzweifelte Antonio macht sich gemeinsam mit seinem Sohn (Enzo Staiola) auf die unmögliche Suche nach dem Fahrrad und den Fahrraddieben…

Bei der ersten von der renommierten Filmfachzeitschrift „Sight & Sound“ im Jahr 1952 unter Filmkritiker_innen durchgeführten Umfrage nach den besten Filmen aller Zeiten belegte „Fahrraddiebe“ den ersten Platz. 2002, als die Umfrage wiederholt wurde, landete der besagte Film auf Platz 6 der größten Meisterwerke, die jemals in die Kinos gebracht wurden.

„Fahrraddiebe“ entstand nach dem Zweiten Weltkrieg, nach dem Zusammenbruch des italienischen Faschismus. Die Zensur und das staatliche Produktionsmonopol waren zerschlagen. Die Filmstudios von Cinecittà waren zerbombt, was davon übrig war, diente als Flüchtlingsunterkunft. Wer drehen wollte, musste auf die Straße. Und so folgt die Kamera Antonio auf seinen Wegen durch Rom.“ dlf

Offkino-Notiz: Wir zeigen diesen Spielfilm, sowie auch „Z“, auf 16mm. Dies ist eine für uns sehr erfreuliche Sache, da unser 16mm-Projektor nach langer Wartezeit endlich wieder in Gang gesetzt werden konnte!

Fahrraddiebe Still
Z – Anatomie eines politischen Mordes
08.03.

In einem namentlich ungenannten Staat am Mittelmeer, in dem Militär und Königshaus regieren und die Demokratie immer weiter ausgehöhlt wird, wird Opposition nur widerwillig geduldet. Als eine pazifistische Oppositionsgruppe eine Veranstaltung mit einem namhaften Professor und Abgeordneten (Yves Montand) organisiert, werden dieser immer mehr Hürden gesetzt. Die Veranstaltung findet statt, doch kurz nach Ende der Veranstaltung wird der Professor ermordet, ohne dass die anwesende Polizei eingreift. Von der Regierung wird der Tod schnell als „Unfall mit Todesfolge“ abgetan. Auf Druck werden doch Ermittlungen angeordnet, mit denen ein junger Richter (Jean-Louis Trintignant) betraut wird. Zum Missfallen des Militärs ist der Richter hingegen aufrichtig und ermittelt penibel und hartnäckig allen Hürden zum Trotz.

Dass der Film trotz der namenlosen Charaktere engagiert ist, wird gleich im Vorspann klar: „Jegliche Ähnlichkeiten zu lebenden oder toten Personen sind NICHT rein zufällig„. Der Film basiert auf der wahren Ermordung des griechischen Oppositionellen Grigoris Lambrakis, der wenige Jahre vor Beginn der Militärdiktatur ermordet wurde. Der Film hatte es aufgrund des kontroversen Themas schwer, finanziert zu werden. Er war nur durch die Unterstützung namhafter Schauspieler wie Montand, Trintignant und Papas, die für den Film auf einen Großteil ihrer Gage verzichteten, möglich. Heute zählt „Z“ zu den Klassikern unter den Polit-Thrillern, der unter anderem zwei Oscars (Bester fremdsprachiger Film, Bester Schnitt) und einen Britischen Filmpreis (BAFTA) für die Filmmusik von Mikis Theodorakis erhalten hat.

Costa-Gavras „inszenierte einen spannenden, engagierten, hoch emotionalen und teilweise wütenden polemischen Politthriller, der eindringlich die Gefahren einer Verfilzung von Staats- und Gruppeninteressen beschwört„. Film-Dienst

Z – Anatomie eines politischen Mordes Still
Lola rennt
15.03.

Lola ist in Berlin und wartet auf Manni, ihren kleinkriminellen Freund. Das geplante Treffen hat nicht geklappt, und alles geht irgendwie schief. Lolas Moped wurde gestohlen, Manni hat das Geld für den Hehler nicht, und Lola soll ihn nun retten. Doch kann sie das schaffen in den 20 Minuten, die ihr bleiben, um durch ganz Berlin zu rennen? Und wo soll sie das Geld herbekommen? Und was passiert mit den all den Menschen, denen sie in diesen 20 Minuten begegnet?

Lola rennt nun schon seit 21 Jahren. Und der Film, das muss man ihm lassen, ist gut gealtert. Tykwer brachte 1998 mit „Lola rennt“ einen deutschen Film in die Kinos, der einer Revolution gleich kam. Tykwers Namen bringen heute wohl die meisten mit der neusten deutschen Serienhoffnung „Babylon Berlin“ in Verbindung. Doch die Serie aus den 1920ern und der Film aus den 1990ern haben mehr gemein als nur die Hauptstadt. Beide erzählen eine Geschichte von Menschen, deren Alltag und den vielen Entscheidungen des/der Einzelnen, die, wenn auch scheinbar zufällig getroffen, weitreichende Folgen haben können. Und das nicht nur für den/die, der/die die Entscheidung trifft.

Mit seinem visuellen und erzählerischen Einfallsreichtum hat der Film Maßstäbe gesetzt, vieles davon wirkt auch heute noch originell, und seine Dynamik ist nach wie vor mitreißend. Seine Titelheldin wiederum ist, im Wortsinn, eine Vorläuferin moderner Frauenfiguren, die eigensinnig, entschlossen und emotional stärker sind als die Männer, ohne zur überlebensgroßen Superheldin zu mutieren„. FAZ, 2018

Lola rennt Still
Die Nacht des Jägers
22.03.

„It’s a hard world for little things“. Miss Rachel Cooper (Lillian Gish)

West Virginia während der Großen Depression: Reverend Harry Powell (Robert Mitchum), charismatischer Wanderprediger, psychopathischer Frauenmörder und wegen Autoklau vorübergehend im Gefängnis, trifft dort auf den zum Tode verurteilten Ben Harper. Um seine Familie über Wasser zu halten, hatte der eine Bank überfallen und dabei zwei Menschen erschossen; die Beute aber blieb verschwunden. Im Schlaf verrät Harper, dass seine Kinder, Pearl und John, deren Versteck kennen. Nach seiner Entlassung macht sich Powell auf zur Familie Harpers. Er umgarnt Harpers junge Witwe (Shelley Winters) und die ganze dörfliche Gemeinde. Nur John misstraut ihm. Als die Kinder fliehen müssen, setzt sich der Jäger auf ihre Spur.

Es ist eine Ironie der Filmgeschichte, dass „The Night of the Hunter“ die einzige Regiearbeit des gefeierten britisch-amerikanischen Film- und Bühnenschauspielers Charles Laughton bleiben sollte. Heute gilt der Film mit der düster-romantischen Atmosphäre eines frühen Nick Cave-Albums als Meisterwerk; so rangiert er auf Platz 2 der „Schönsten Filme der Welt“ (Cahiers du Cinéma). Seine Bilder wurden mit den Scherenschnitt-Märchenfilmen der Animationsfilmpionierin Lotte Reiniger und dem Expressionismus der ersten Blüte des Kinos verglichen ; letzteres wird noch unterstrichen durch das Mitwirken von Stummfilmlegende Lillian Gish. Allem voran macht jedoch Robert Mitchum als sinistrer Reverend mitsamt seinem hypnotischen Gesang diesen Film unvergesslich. Auch Roger Ebert schrieb 1996: „It is one of the most frightening of movies, with one of the most unforgettable of villains, and on both of those scores, it holds up … well after four decades“.

Die Nacht des Jägers Still
Amateur
29.03.

Hal Hartley, US-amerikanischer Filmregisseur/Drehbuchautor/Produzent/Komponist, wurde zu einer Schlüsselfigur des amerikanischen Independent-Films der 1980er und 1990er Jahre. Die Idee zu „Amateur“ entstand wohl auf Promo-Tour durch Europa, auf der Hartley, etwas ermüdet und nach einem Gläschen zu viel, ein Bild von einem Mann in den Sinn kommt, der auf der Straße liegt, aufwacht und sein Gedächtnis verloren hat. Dies müsse die vollkommene Freiheit sein, Freiheit von jeder Vergangenheit und Verantwortung, mit der Möglichkeit noch einmal von vorn anfangen können. Wieder nüchtern, bemerkt Hartley, wie unrealistisch dieser Wunsch ist, und macht einen Film daraus. Im Film wird die Idee folgendermaßen weitergesponnen: Der Mann (Martin Donovan) liegt bewusstlos auf der Straße und wird von einer schwarzhaarigen Frau (Elina Löwensohn), die offensichtlich mit dem Sturz des Mannes zu tun hat, einfach dort liegen gelassen. Nachdem er aufgewacht ist, trifft er in einem Café auf Isabelle (Isabelle Huppert), eine ehemalige Nonne, die sich nun in pornographischer Literatur versucht. Sie nimmt ihn bei sich auf, um ihm dabei zu helfen, seine Amnesie zu überwinden und seine Identität herauszufinden. Unterdessen gerät die schwarzhaarige Frau in große Schwierigkeiten: Auf sie wurden Killer angesetzt, da sie versucht hat, einen zwielichtigen Geschäftsmann zu erpressen, was wiederum mit dem unter Amnesie leidenden Mann in Verbindung steht. Dann trifft sie auf Isabelle und den „Unbekannten“…

„Amateur“ ist eine originelle Mischung aus Romanze, Groteske und Gangsterdrama. In einer verkommenen Welt voller Schurken geht es um Verrat und Erlösung. Hal Hartley schuf diesen ebenso skurrilen wie melancholischen Film, in dem er mit viel Witz Versatzstücke des film noir sarkastisch verfremdet.“ Dieter Wunderlich

Amateur Still