Unsere Filme im Dezember - Aus alt mach neu
Harry und Sally
12.12.

Zunächst gehen sie sich gewaltig auf die Nerven: Harry und Sally, von Billy Crystal und Meg Ryan verkörperte Namensgeber_innen des Films, der zum Prototyp der romantischen Komödie der 1990er avancierte – und Ryans zeitweisen Status als Rom-Com Leading Lady in einer moderat feministischen, wenn auch heteronormativ-eurozentrischen Mittelklassen-Variante etablierte. Wobei: Weder die gute alte Enemies to Friends-Formel noch die altmodische Leitfrage, die Möglichkeit einer rein platonischen Freundschaft zwischen den Geschlechtern betreffend, macht die Popularität und den Charme des Films bis heute aus. Es ist das „Wie“ der leicht, ironisch, mit sicherem Gespür für Zeitgeist und großer Sympathie für die Figuren geglückten Inszenierung im Zusammenspiel mit pointierten Dialogen (Regie: Rob Reiner, Drehbuch: Nora Ephron). „Harry und Sally“ lebt von Stimmungen, oftmals evoziert mittels nostalgisch aufgeladener Kulturtechniken und Orte: Die Vertrautheit abendlicher Festnetztelefonate Bett zu Bett im Split Screen. Das Rolodex-Archiv attraktiver Junggesellen von Sallys praktischer Freundin Marie (Carrie Fisher). Sallys Outfits und Frisuren, die ihre Entwicklung von der pedantischen Uniabsolventin zur lässigen Young Urban Professional nachzeichnen (unvergesslich auch beider Signature-Look im Aran-Strickpullover, ihrer rot, seiner weiß). Dazu kommen ikonische Kulissen wie Central Park, Metropolitan Museum, Katz’s Delicatessen und der Times Square am Silvesterabend sowie die Jazz-Standards des Soundtracks (Grammy 1990 für Harry Connick Jr.). Nicht zu vergessen die in den Film eingestreuten Referenzen zu klassischen Screwball Comedies und Liebesdramen Hollywoods… und die zauberhaften Vignetten mit den alten Paaren, die erzählen, wie damals alles begann.

(Textverantwortlich: AR)

Harry und Sally Still
Ernest Cole: Lost and Found
19.12.

Ernest Coles Bilder zurück in die Öffentlichkeit zu bringen heißt, ihm endlich die Stimme wiederzugeben, die ihm zu Lebzeiten systematisch genommen wurde.“ Raoul Peck, bei der Filmvorstellung, 2024
Mit „Ernest Cole: Lost and Found“ präsentiert Raoul Peck („I Am Not Your Negro“, „Sometimes in April“) ein beeindruckendes filmisches Porträt eines Mannes, dessen Bilder zu den eindringlichsten Zeugnissen des südafrikanischen Apartheid-Regimes gehören. Nachdem jahrzehntelang verschollen geglaubte Negative des Fotografen Ernest Cole wiederentdeckt wurden, rekonstruiert Peck nicht nur Coles künstlerisches Leben, sondern auch seine innere Zerrissenheit zwischen Exil, Aktivismus und dem unermüdlichen Drang, die Realität sichtbar zu machen.
Er verweilt mit großer Sorgfalt auf Coles kompromisslosem Blick auf den allgegenwärtigen Rassismus in Südafrika zu Zeiten der Apartheid und dem viel existentielleren Rassismus in den USA, wohin Cole ins Exil geflohen ist. Doch die Verheißung von Freiheit und Sicherheit dreht sich für Cole ins Gegenteil: „In South Africa I was afraid to be arrested, in the United States I was afraid to be killed.“
„Ernest Cole: Lost and Found“ ist ein Film über Verlust und Wiederentdeckung – und über die Macht der Fotografie. Raoul Peck öffnet eine intime Perspektive auf den Menschen hinter der Kamera – einen Künstler, dessen Werk radikal politisch war und dessen Vermächtnis auch heute noch nichts an seiner Wirkung verloren hat.

(Textverantwortlich: VV)

Ernest Cole: Lost and Found Still
Nosferatu – Phantom der Nacht
26.12.

Ich wollte Murnaus Film nicht kopieren, sondern seine Seele neu beschwören.“ Werner Herzog
„Nosferatu: Phantom der Nacht“ ist ein Film von Werner Herzog aus dem Jahr 1979 – eine Neuinterpretation von F. W. Murnaus Stummfilmklassiker „Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens“ von 1922. Der Film folgt lose der Handlung des Romans „Dracula“ von Bram Stoker.
Wismar in der Biedermeier-Zeit: Jonathan Harker (Bruno Ganz) bekommt vom Makler Renfield den Auftrag, zum Grafen Dracula (Klaus Kinski) nach Transsilvanien zu reisen, da dieser ein Haus in Wismar kaufen will. Trotz der Vorahnung seiner Frau Lucy (Isabelle Adjani) und den Warnungen rumänischer Bauern begibt er sich zum verfallenen Schloss des Grafen. Dort muss er erfahren, dass der Graf ein Vampir ist, von dessen Blutgier auch er nicht verschont bleibt. Die Flucht gelingt. Aber der Graf ist längst unterwegs nach Wismar. Im Gepäck eine Ladung Särge, die mit pestverseuchter Heimaterde gefüllt sind.

Herzogs “Nosferatu“ ist ist nicht als Remake zu verstehen, sondern als eine Reflexion über die Vergänglichkeit des Kinos selbst.
Er verwandelt Murnaus expressionistischen Albtraum in eine romantisch-existenzielle Meditation. Der Vampir wird hier nicht als böse, sondern als tragische Figur gezeigt, die an Einsamkeit leidet. Während Murnau fast ausschließlich im Studio gearbeitet hat, wählte Herzog realistische Ort wie Delft, Wismar oder die Karpaten. Die expressionistischen Schwarzweißbilder des Originals werden eingetauscht in gedämpfte, fast monochrome Farben. Auf zusätzliche Ausleuchtung wurde nahezu verzichtet, um auf das Naturlicht zurückzugreifen. Herzog sagte einmal: „Ich glaube an das Licht der Welt, nicht an das künstliche Licht des Studios.“
Beide Filme stehen sich gegenüber wie Schatten und Licht – zwei Geister, die denselben Mythos auf sehr unterschiedliche Weisen beschwören.
„Popol Vuh“ vertonte insgesamt neun Herzog-Filme. „Aguirre, der Zorn Gottes“, „Fitzcarraldo“, „Cobra Verde“ etc.. Der Nosferatu-Soundtrack gilt als einer ihrer besten und einflussreichsten. Viele spätere Ambient- und Post-Rock-Künstler_innen wie „Dead Can Dance“, „Sigur Rós“ oder Brian Eno nennen „Popol Vuh“ als eine ihre wichtigsten Inspirationsquelle.

(Textverantwortlich: JU)

Nosferatu – Phantom der Nacht Still
Unsere Filme im Januar - In die Tiefe
Undine
02.01.

Ins neue Jahr eintauchen mit Paula Beer und Franz Rogowski – was gibt es Schöneres?

Undine (Paula Beer) arbeitet als Historikerin in Berlin. Als ihr Freund Johannes (Jacob Matschenz) sie verlässt, zerbricht etwas. Nun lernt sie zur gleichen Zeit den Industrietaucher Christoph (Franz Rogowski) kennen und zwischen den beiden entwickelt sich eine glückliche Liebesbeziehung. Er besucht sie bei ihren Vorträgen zur Berliner Stadtgeschichte, sie besucht ihn bei seinen Tauchgängen in einem Stausee. Doch bei all dem liegt der Schatten der Trennung auf Undine: ist ihr Schicksal verbunden mit dem alten, sagenhaften Undine-Mythos, der erfordert, dass sie den Mann tötet, der sie verlässt?

Christian Petzold inszeniert mit einem eingespielten Ensemble eine romantische Sage im postmodernen Berlin, in klaren und zugleich traumwandlerischen Bildern, aufgenommen von Hans Fromm und montiert von Bettina Böhler.

„Undine“ stellt den ersten Teil der eher vage zusammenhängenden Elementar-Trilogie Petzolds dar: Nach „Roter Himmel“ (2023) erschien zuletzt im September 2025 „Miroirs No. 3“. In allen drei Filmen spielt Paula Beer eine Hauptrolle, für ihre Rolle in „Undine“ wurde sie mit dem Silbernen Bären als Beste Schauspielerin ausgezeichnet und gewann den Europäischen Filmpreis 2020.

„Der Film strahlt in vielen Szenen eine zauberhafte Schönheit aus. Den beiden Hauptdarstellern Rogowski und Beer, die auch schon in Petzolds Film „Transit“ mitgespielt haben, schaut man gerne zu. Eine scheinbar banale Trennung weitet sich zur Tragödie.“ Süddeutsche Zeitung

(Textverantwortlich: KK)

Undine Still
Shock Waves – Schreckensmacht der Zombies
09.01.

Weitere Infos folgen bald!

(Textverantwortlich: JU)

Shock Waves – Schreckensmacht der Zombies Still
Blue Velvet Revisited (mit Filmgespräch mit Regisseur)
16.01.

Wir freuen uns sehr, mit „Blue Velvet Revisited“ einen ganz besonderen Dokumentarfilm aus dem David Lynch-Universum präsentieren zu können und den Regisseur Peter Braatz im Anschluss für ein Filmgespräch (per Videoschalte) begrüßen zu dürfen!

Peter Braatz, in den 1980ern Musiker und Student an der Deutschen Film- und Fernsehakademie (dffb) in Berlin, wurde nach einem längeren Briefwechsel mit David Lynch völlig überraschend eingeladen, 1985 die Dreharbeiten zu seinem Film „Blue Velvet“ zu begleiten und zu dokumentieren. Peter Braatz und Freund Frank Behnke (ebenfalls Filmemacher und Musiker, u.a. bei „Mutter“ und „Klaus Beyer“) blieben drei Monate lang am Filmset in Wilmington/North Carolina, Lynch gewährte ihnen uneingeschränkten Zugang zum Set. Es entstanden einzigartige Super 8-Aufnahmen, Tonaufnahmen, Interviews und Fotografien von David Lynch, den Darsteller_innen und dem gesamten Team. Braatz veröffentlichte 1988 erstmals einen auf den Aufnahmen basierenden Film mit dem Titel „No Frank in Lumberton“. Der Film wurde nur begrenzt über das ZDF und eine Handvoll Festivals verbreitet. 2013 wurde Braatz inspiriert, einen erneuten Blick auf das aufgenommene Material zu werfen und kreierte dann letztendlich mit „Blue Velvet Revisited“ eine ganz besondere Dokumentarfilm-Hommage. Für den Soundtrack beauftragte er „Cult With No Name“, die noch „Tuxedemoon“ und John Foxx mit dazu holten. „The Wire“ beschrieb das Ergebnis als „… evokativ, verträumt, düster und dynamisch…
Eine Neuinterpretation als Reise, um einen längst vergessenen Schatz zu heben. Braatz selbst bezeichnet seinen Film als „Meditation über einen Film“.

Weitere, kurze Infos zu Peter Braatz:
1959 in Solingen geboren, Musiker, Filmregisseur, Filmeditor und Filmproduzent, in Slowenien lebend. Sein Künstlername ist Harry Rag, den er 1977 als Gitarrist und Sänger der Punkband S.Y.P.H. annahm.

(Textverantwortlich: KE)

Blue Velvet Revisited (mit Filmgespräch mit Regisseur) Still
Phase IV
23.01.

Weitere Infos folgen bald!

(Textverantwortlich: JU)

Phase IV Still
Abgedreht – In der Gewalt des Cecil B.
30.01.

Tod dem Mainstream-Kino“ – Regisseur Cecil B. Demented (Stephen Dorff) kämpft mit seiner Gang terroristischer Anarcho-Filmemacher_innen „The Sprocket Holes / Die Perforationslöcher“ leidenschaftlich für das unabhängige Kino und gegen den Hollywood-Mainstream. Um es Hollywood endlich mal so richtig zu zeigen, entführen sie aufsehenerregend die snobby Schauspiel-Diva Honey Whitlock (Melanie Griffith) bei einer Filmpremiere. Whitlock soll ihnen aber kein Lösegeld einbringen. Cecil B. Dementeds Plan ist, mit der Geisel in der Hauptrolle einen „ultimativ realistischen“ Film zu drehen, in dem selbst die Pistolenkugeln echt sind. „Real People, Real Terror„. Whitlock findet sich am Set eines Films wieder, in dem die Kunst gegen den Kommerz verteidigt wird und taucht immer tiefer darin ein …

„Cecil B. Demented“ ist eine bissige Satire auf das (amerikanische) Mainstream-Kino und Filmindustrie – John Waters-like grossartig & abgedreht inszeniert und besonders in der Hauptrolle mit augenzwinkerndem Vergnügen gespielt. Außerdem mit tollem Soundtrack!

Sidefact: Als B-Movie-Koryphäe John Waters von einem Journalisten „Cecil B. Demented“ genannt wurde – eine Anspielung auf Cecil B. DeMille, Hollywoods großen Epiker – gefiel ihm das offenbar so gut, dass er die von Stephen Dorff gespielte Figur in seinem gleichnamigen Film als sein Alter Ego aussandte, um gegen die kommerziell ausgerichtete Filmindustrie zu rebellieren.

Wertung: 8 von 10 niedergebrannten Multiplexkinos“ filmtipps.at :).

(Textverantwortlich: KE)

Abgedreht – In der Gewalt des Cecil B. Still
„Das Cabinet des Dr. Caligari“ mit Live-Vertonung (Aufführort: Wissenswerkstatt Bielefeld!)
31.01.

Wir haben uns sehr über die erneute Kooperationsanfrage des Zentrum für Ästhetik der Uni Bielefeld gefreut, und bringen Samstag, 31.01., 20 Uhr, unseren Beitrag zum art/science-Festival 2026 in die Wissenswerkstatt Bielefeld:
Den berühmten Stummfilm Das Cabinet des Dr. Caligari, Regie: Robert Wiene, mit Live-Vertonung von Isabel Merten & Sara Neidorf aka Mellowdeath!

Hier der Link zur Anmeldung zum Filmabend / 5€ Eintritt

Ankündigung vom art/science-Festival:
Kurz vor dem 100. Geburtstag des Tonfilms möchten wir daran erinnern, dass Filme auch vorher schon nicht gänzlich stumm präsentiert wurden, sondern zum Teil mit aufwendigen Musikbegleitungen daher kamen.

Mit „Das Cabinet des Dr. Caligari“ zeigen wir in Kooperation mit dem Offkino einen Schlüsselfilm der deutschen Filmgeschichte. Produziert wurde er 1919/20 von der Decla-Film-Gesellschaft Holz & Co., die 1922 von der damaligen Universum Film (Ufa) übernommen wurde. Er erzählt die Geschichte des unheimlichen Dr. Caligari, der einen weissagenden Schlafwandler namens Cesare auf dem Jahrmarkt von Holstenwall zur Schau stellt. Als Cesare einem wissbegierigen Besucher den Tod voraussagt und dieser kurz darauf tatsächlich stirbt, verdächtigt dessen bester Freund Caligari und Cesare und nimmt auf eigene Faust Ermittlungen auf.

Vertont wird der Film vom Duo „Mellowdeath“. Gegründet wurde das Zweiergespann 2017 in Berlin von der US-amerikanischen und in Berlin lebenden Schlagzeugerin Sara Neidorf und der in Bielefeld lebenden Bassistin Isabel Merten.

(Textverantwortlich: KE)
Foto © Sebastian Gesch
Zeichnung links © Janice Jensen

„Das Cabinet des Dr. Caligari“ mit Live-Vertonung (Aufführort: Wissenswerkstatt Bielefeld!) Still