Letters to Paul Morrissey
24.09.

Als Hommage an Andy Warhol auf dem Filmformat 16mm gedreht, besteht „Letters to Paul Morrissey“ aus kurzen Stücken, die Filmbriefe genannt werden. Fünf Geschichten, scheinbar unabhängig voneinander, die alle an den Kultfilmemacher Paul Morrissey adressiert sind. Der vor allem durch seine Zugehörigkeit zu Warhols Factory und Filmen wie „Trash“, vom Regisseur Rovira als wichtige Inspiration bezeichnet, bekannt ist.
Die Hauptdarsteller_innen stammen aus verschiedenen Ländern und teilen die gleichen existenziellen Probleme, wie die Figuren aus Morrisseys eigenen Filmen. Wir sehen Menschen, die ihre Gefühle, Reflexionen und neuen Erfahrungen mitteilen – dabei manchmal hoffnungsvoll, resigniert oder einfach nur auf der Suche nach etwas: Joe Dallesandro, der sachlich erklärt, dass er „seine Erfahrung mit Drogen nie bereuen wird„, zwei verfluchte Liebende, ein Mann auf der Suche nach seiner Erlösung, eine erfolglose Schauspielerin in existentieller Krise und eine Japanerin mit einer mysteriösen Krankheit.

„Ich wollte nie etwas Besonderes sein; ich wollte nur Filme machen“, behauptete Morrissey offenbar einmal, aber wie dieses kleine Juwel beweist, lebt sein Werk eindeutig weiter. Und passend dazu bringt es andere dazu, ebenfalls Filme machen zu wollen.“ Marta Bałaga

Wir freuen uns, das spannende Spielfilm-Debut des spanischen Filmemachers Armand Rovira als Premiere im Offkino präsentieren zu können.

Letters to Paul Morrissey Still
Unsere Filme im Oktober - Nachspiel & Neu
Varda par Agnès
01.10.

Die französische Filmemacherin Agnès Varda ist 2019 im Alter von 90 Jahren verstorben. Wir zeigen nun mit „Varda par Agnès“ ihr letztes Werk – ein filmisches Selbstportrait und eine sympathische und weise Lektion darüber, was im Leben und beim Filmemachen wichtig ist: Ein kreatives Leben voller Begegnungen. Wie in ihrem vorletzten Film „Augenblicke: Gesichter einer Reise“ wird auch in „Varda par Agnès“ in den vielzähligen Begegnungen mit anderen Menschen deutlich, was Agnès Varda war, eine große Erzählerin des Lebens.

Die gelernte Fotografin, Installations-Künstlerin und Wegbereiterin der „Nouvelle Vague“ ist eine Institution des französischen Kinos und Kämpferin gegen alles Institutionelle im Denken. Sie gibt Einblicke in ihr Schaffen und illustriert, eher assoziativ als chronologisch, künstlerische Visionen und Ideen mit Ausschnitten aus ihrem Werk. Ihre lebendigen, anekdotenreichen und klugen Lektionen unterteilt sie in zwei Abschnitte: In ihren Ausführungen zur „analogen Zeit“ von 1954 bis 2000 steht die Regisseurin im Vordergrund. Eine junge Frau, die auszog, das Kino neu zu erfinden, und auch im Fiktionalen immer offen für den Zufall, für dokumentarische Momente ist, die mit jedem neuen Film auch ihren Erzählstil wechselt. Im zweiten Teil befasst sich Agnès Varda mit den Jahren von 2000 bis 2018 und zeigt, wie sie die digitale Technik nutzt, um in ihrer ganz eigenen Art auf die Welt zu blicken.
Vor und hinter der Kamera erweist sich Agnès Varda als visuelle Geschichtenerzählerin fern von allen Konventionen und vorgegebenen Dramaturgien. Gemeinsam mit einigen Weggefährten nimmt sie die Zuschauer_innen mit auf eine Reise durch unorthodoxe Bilderwelten.

Varda par Agnès Still
Neubau
08.10.

Johannes M. Schmit wird im Anschluss des Films für eine Q&A per Videokonferenz anwesend sein!
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Sommer in der Brandenburger Provinz. Markus ist hin- und hergerissen zwischen der Liebe zu seinen pflegebedürftigen Omas und der Sehnsucht nach einem anderen Leben in Berlin. In Tagträumen erscheint ihm immer häufiger eine Schar schillernder Dämonen als Vorboten einer queeren urbanen Wahlfamilie, die ihn aus seiner Einsamkeit befreit. Als er sich in Duc verliebt, wird alles noch komplizierter. Denn eigentlich stehen in Markus’ Neubauwohnung schon die gepackten Kisten für den Umzug in die große Stadt.

Wo möchte ich leben – und wie? Mit diesen existentiellen Fragen beschäftigen sich Autor/Hauptdarsteller Tucké Royale und Regisseur Johannes M. Schmit in ihrem Debütfilm aus der Sicht eines jungen queeren Mannes in der Uckermark. Und beantworten sie mit einem dezidiert nicht-normativen Lebensentwurf, in dem die Befreiung aus konservativen Vorstellungen von Sexualität und Geschlechterzugehörigkeit ebenso eine Rolle spielen wie Commitment und gegenseitige Fürsorge. Ihr queerer Heimatfilm entstand fernab der großen Metropolen als unabhängige Produktion in einem Künstler*innen-Kollektiv, dem es um ambivalente (Gegen-)Erzählungen und eine „Neue Selbstverständlichkeit“ geht. Im Januar 2020 feierte „Neubau“ seine Uraufführung im Spielfilm-Wettbewerb des Filmfestivals Max Ophüls Preis. Dort wurde er als Bester Spielfilm ausgezeichnet und dabei von der Jury besonders für seine „Kraft Empathie zu erzeugen“ gelobt. Tucké Royale erhielt zudem für sein Buch und Schauspiel den Preis für den gesellschaftlich relevanten Film.

Neubau Still
Occupied Cinema
15.10.

Das im Herzen Belgrads gelegene Kino ZVEZDA ist eins von fünfzehn in 2007 auf einen Schlag privatisierten und anschließend stillgelegten Belgrader Kinos. Der Film dokumentiert den Verlauf der Besetzung. Unter den Besetzer_innen befinden sich sowohl Privatisierungsgegner_innen, die ein allgemeines politisches Interesse verfolgen, als auch Filmemacher_innen und Leute aus der Filmbranche, die das Kino als solches reaktivieren wollen. Angesichts der Tatsache, dass es in Belgrad kein Kino mehr gibt, in dem überhaupt serbische Filme gezeigt werden könnten.
Die Dokumentation zeigt vor allem das Tauziehen unter den Besetzer_innen, entlassene Kinoangestellte und auswärtige Unterstützer_innen werden mit eingebunden. Es geht um grundsätzliche Fragen, wie: Wer hat das Sagen? Wer definiert die politische Strategie? Wo liegen die individuellen Interessen innerhalb einer kollektiven Aktion?

Die Besetzung des Kinos war eine Gelegenheit für die Menschen, zusammenzukommen, sich selbst zu organisieren […], die Marktlogik im Wesentlichen zu umgehen und sich vom ideologischen Apparat des Staates zu lösen. Einen Moment später brach alles zusammen.“ Senka Domanović

Wir zeigen „Occupied Cinema“ im Rahmen einer Premieren-Tour in Deutschland, entstanden im Austausch und in Kooperation mit unserem europäischen Netzwerk KINO CLIMATES.

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Das Ende des Regenbogens
22.10.

Ende der 1970er Jahre in West-Berlin. Jimmi, 17 Jahre alt, lebt auf der Straße. Vom Strich und Kleinklau lebend. Immer wieder ist die Rede von Arbeit und einem „geregeltem“ Leben. Aber wie sieht das aus? Und wie geht man das an, wenn man es nie gelernt hat? Jimmi befindet sich weit von jenen Spielregeln entfernt, nach denen bürgerliches Leben funktioniert. Verspielt, verwirrend natürlich, naiv und androgyn, bezaubert Jimmi mit einer sinnlichen und auch erotischen Ausstrahlung. Sein ambivalentes Wesen fasziniert Männer und Frauen: er ist dynamisch, aggressiv und unberechenbar, liebenswert und gefährlich, hilflos und explosiv.

Der Film überzeugt als authentischer Entwurf: Regisseur Uwe Frießner schrieb das Drehbuch nach eigenen Erfahrungen mit jugendlichen Außenseitern. Er schildert sinnlich und komisch zugleich ihren Alltag, ihre Träume und ihre vergeblichen Hoffnungen. Ein wohltuender Gegensatz zur schrillen Medienvermarktung von „Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“, der ebenfalls in die Stricher- und Drogenszene Berlins Ende der 70-er Jahre führte. […]
[…] es geht nicht nur um die Dreharbeiten (Low-Budget, 43 Drehtage an Originalschauplätzen mit vielen Nachtszenen als abenteuerliche Herausforderung) und auch die tolle Darstellung der Lebensgefühle Jugendlicher in diesen Jahren. Es geht um die zeittypische Ästhetik und Erotik, um Musik und Mode, um Körpersprache, die Discoszene und das Wohngemeinschafts-, Hochhaus- und Hinterhofmilieu. Besonders aufschlussreich aber ist die Interpretation des Protagonisten: eine „Pasolini“-Figur mit erotischer Provokation und einem ungeheuren Protestpotential. Nicht uninteressant – weil immer noch aktuell – die Erinnerungen an die Auseinandersetzung mit der FSK, die diesen Film damals zunächst nur ab 16 freigeben wollte
.“ Kinofilmwelt.de

1979 erhielt der Film das Prädikat „besonders wertvoll“. Zudem erhielt er den „Preis der deutschen Filmkritik, den Bundesfilmpreis in Silber und wurde von der Jury der evangelischen Filmarbeit gekürt.

Das Ende des Regenbogens Still
Blut an den Lippen (Regisseur am Filmabend anwesend!)
29.10.

Damit wurde für das Offkino der 1. Lockdown eingeläutet, indem wir im März 2020 diesen Filmabend sehr kurzfristig absagen mussten. Umso mehr freuen wir uns, dass auch einige Monate später der belgische Regisseur Harry Kümel am Filmabend anwesend sein wird! Auf seinen Wunsch hin wird „Les Lèvres rouges“ in der der von „Bildstörung“ 2013 veröffentlichten digitalen Fassung projiziert – weiteres dazu am Filmabend.

Zum Film:
Ostende: Frisch vermählt machen Valerie und Stefan ungeplant Zwischenstopp in einem leeren Luxushotel an der Küste. Es ist Jahresende, die Saison ist vorbei, sie sind die einzigen Gäste. Vorerst. Denn noch in derselben Nacht betritt eine geheimnisvolle Gräfin in Begleitung ihrer Sekretärin die Lobby und fragt nach einem Zimmer. Stefan ist sofort wie gebannt von den beiden Neuankömmlingen. Als der Portier aber ihren Namen hört, wirkt er äußerst irritiert: 40 Jahre ist es inzwischen her, und doch ist die Gräfin keinen Tag gealtert? „Das war meine Mutter“, ist die kurze Antwort. Am nächsten morgen schreibt die Zeitung von einer weiteren jungen Frauenleiche, der jeder Tropfen Blut fehlt…

Blut an den Lippen ist ein außergewöhnlicher Genrefilm, der […] viele Stilrichtungen kreuzt, auf eine sehr avantgardistische Art und Weise […]. Ein unglaubliches Crossover aus 70er Ex- und Sexploitation Grindhousekino, dabei handwerklich so grandios, anspruchsvoll und subtil inszeniert, dass es leicht an den wenige Jahre später erschienenen Klassiker Wenn die Gondeln Trauer tragen erinnert. Die Mischung aus sexuellem Befreiungskino, Horror und Arthouse-Anspruch scheint sehr gewagt, gerade dadurch bezieht Les Lèvres rouges seinen einzigartigen Reiz, ist […] kaum kopierbar und ein Unikum.“ Jacko Kunze

Noch erwähnenswert ist, dass „Les Lèvres rouges“, der vor allem durch das grandiose Schauspiel von Delphine Seyrig getragen wird, auch feministisch gelesen wird: Neben der klaren Machtposition der Hauptdarstellerinnen, verstößt er gegen die Konventionen eines Lesben-Vampirgenres, der lesbische Vampirinnen in der Regel als eine zu besiegende Bedrohung der heterosexuellen Normalität darstellt.

Blut an den Lippen (Regisseur am Filmabend anwesend!) Still